Gescheiterte Jamaika-Sondierungen: Erleichterung bei den Facebook-Fans der FDP

Jamaika-Aus macht Lindner zum Facebook-Helden

Christian Lindner verdrängt Feuerwehrmann Rudi: So reagieren die Facebook-Fans der FDP auf den Abbruch der Jamaika-Sondierungen.

In der Woche vor dem Scheitern der Sondierungsgespräche deutet in der Facebook-Community der FDP nichts darauf hin, dass Jamaika auf wackeligen Beinen stehen könnte.

Zwar teilen die Fans der FDP die Ergebnisse einer Focus Online-Umfrage, wonach sich 68% der Befragten Neuwahlen wünschen. Auch die Spannungen zwischen ihrer Partei und den Grünen haben sie im Blick. So führt der am häufigsten geteilte Link zu einem Beitrag der Welt, in dem Christian Lindner verkündet, den Grünen in der Flüchtlingsfrage nicht entgegenkommen zu wollen und klarstellt: „Eine Ausweitung des Familiennachzugs würde die Akzeptanz einer neuen Regierung sofort zunichtemachen“.

Zum Trend wird auch ein Welt-Artikel, der nahelegt, Angela Merkel wolle der von der FDP geforderten Abschaffung des Solidaritätszuschlags nicht im gewünschten Maße nachkommen. Dass die FDP die Soli-Frage als ihr Kernthema ansieht, dessen konnten sich die Facebook-User noch kurz zuvor auf der parteieigenen Webseite Portal Liberal vergewissern.

Jamaika-Müdigkeit in den Tagen vor dem Aus

Insgesamt scheint sich in der Woche vom 13. bis zum 19. November jedoch eine gewisse Jamaika-Müdigkeit einzustellen. Anstatt sich mit den tatsächlichen Gesprächen auseinanderzusetzen, teilen viele FDP-Fans einen Beitrag der Satire-Zeitung Postillon, in dem den Sondierern ein geheimer Jamaika-WhatsApp-Chat angedichtet wird. Außerdem rücken für sie auch jamaikaferne Themen in den Vordergrund.

Für diese Themen interessieren sich die Fans der Facebook-Seite der FDP in der Woche vor dem Jamaika-Aus

Besonders häufig klicken sie sich zum Beispiel durch jegliche Art von polizeilichen Fahndungsaufrufen. Ein weiteres Aufregerthema ist die Entscheidung des Landgerichts Frankfurt am Main, der Fluggesellschaft Kuwait Airways auch in Deutschland zuzugestehen, die Beförderung israelischer Fluggäste zu verweigern. Oft angesteuert wird zu diesem Thema der langatmige Text „Springer-Chef Mathias Döpfner: Die Unterwerfung vor dem Islam hat begonnen“ der Webseite Tichys Einblick, die sich selbst als liberal-konservativ sieht. Die Entscheidung des Landgerichts wird darin als Anzeichen eines sich selbst zerstörenden Landes interpretiert.

Aber auch leichtere Themen finden Anklang. Gedanken zu Boris Beckers fünfzigstem Geburtstag ebenso wie die rätselhafte Geschichte eines Unbekannten, der Woche für Woche ein Pfund Hackfleisch an einem Bahnhof bei Karlsruhe ablegt.

Feuerwehrmann Rudi stiehlt Politikern die Show

Der Star der Woche in der FDP-Facebook-Community ist jedoch Feuerwehrmann Rudi, der bei einem Unfall mit mehreren Toten seinen Feuerwehrschlauch einsetzte, um Gaffer davon abzuhalten, den Unfallort zu filmen.

Zunächst legen Social Media Posts und auch einige Medienbeiträge nahe, der Feuerwehrmann müsse wegen seiner Spritzaktion mit einem Ermittlungsverfahren rechnen. Zahlreiche Facebook-Nutzer machen sich daraufhin für die Straffreiheit für „Rudi“ stark und starten sogar eine Online-Petition.

Der Verein zur Aufklärung von Internetmissbrauch Mimikama stellt daraufhin klar, dass die Staatsanwaltschaft keineswegs vorhabe, ein Ermittlungsverfahren gegen den Feuerwehrmann einzuleiten und auch diese korrigierte Fassung der Geschichte erreicht viele Facebook-Fans der FDP. Einige Tage später kann Antenne Bayern mit einem „Gaff Nicht“-Song punkten, in dem Feuermann Rudi seine Botschaft noch einmal in Gesangsform zur Geltung bringt (siehe oben).

Nach Jamaika: Die Heldenverehrung Christian Lindners

Am 20. und 21. November bekommt Christian Lindner die volle Aufmerksamkeit seiner Community

Die Interessen der FDP-Facebook-Fans ändern sich schlagartig, als das Scheitern der Jamaika-Sondierungen bekannt wird. Zwar beschäftigen sich einige wenige User weiterhin mit polizeilichen Fahndungsaufrufen. Auch die Zukunft Robert Mugabes und eine Fake-Todeserklärung Erika Steinbachs wecken ein gewisses Interesse. Doch im Mittelpunkt stehen eindeutig alle Arten von Diskussionen rund um den FDP-Ausstieg. Die meisten Themen haben einem starken Christian Lindner-Fokus.

In der Nacht vom 19. auf den 20. November entwickelt sich – wenig überraschend – Lindners Statement zum Ausstieg aus den Sondierungsgesprächen zum Trend. Der Partei-Chef prägt darin den Slogan: „Es ist besser, nicht zu regieren, als falsch zu regieren“, der in den darauffolgenden Tagen massenhaft in den sozialen Netzwerken verbreitet wird.

Während die ersten Medienreaktionen zum Jamaika-Schlusstrich fast durchgängig kritisch ausfallen, sind in der Facebook-Community der FDP kaum ablehnende oder nachdenkliche Stimmen zu vernehmen. Bei den FDP-nahen Usern herrscht Verständnis oder sogar Freude vor.

Keine Akzeptanz der Sündenbock-Rolle

Die Zustimmung zu Christian Lindners Entscheidung lässt sich auch aus den Medienbeiträgen ablesen, die am 20. und 21. November auf das Interesse der Facebook-Fans stoßen. Auffällig ist, dass nur einige wenige Artikel und Videos geteilt werden, diese aber dafür umso häufiger.

Zu den absoluten Lieblingsbeiträgen der FDP-Fans zählt ein NZZ-Artikel, in dem Benedict Neff die deutschen Medien dafür kritisiert, die Liberalen zum Sündenbock für das Scheitern der Sondierungsgespräche gemacht zu haben. „Die Erzählung der verantwortungsbewussten Grünen und der unnachgiebigen Liberalen ist zu einseitig geraten“, so der Autor in seiner Argumentation.

Neben einem Text von Tichys Einblick mit dem Titel „Ohne Jamaika kann sich das Land endlich von Lebenslügen befreien“, zirkulieren zwei Links in der FDP-Facebook-Community, die Informationen zu den Gründen für den Ausstieg aus den Sondierungsgesprächen versprechen. Auf ihrem eigenen portal liberal zählt die FDP fünf Gründe für den Abbruch der Sondierungen auf. Sie beziehen sich auf die Bereiche Finanzpolitik, Zuwanderung, Bildung, Energie- und Klimapolitik sowie Europa.

Bloß keine Große Koalition mit grünem Schnittlauch

Im ZDF heute-journal vom 20. November konfrontiert Marietta Slomka den FDP-Parteichef mit einer Reihe an Einwänden gegen seine Ausstiegs-Entscheidung. Unter anderem will sie von ihm wissen, wieso die FDP im Gegensatz zu den anderen Parteien nicht dazu bereit ist, auch „Schmerzen“ in Kauf zu nehmen, um Neuwahlen oder eine Minderheitenregierung zu verhindern. Christian Lindner entgegnet, dass in den Sondierungen keine der FDP-Forderungen durchgesetzt werden konnten und beschreibt das ihm zufolge wahrscheinlichste Jamaika-Szenario so: „Es ist letztendlich das Programm der Großen Koalition mit ein bißchen grünem Schnittlauch drauf.“

Slomka zitiert außerdem eine Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen, der zufolge zwei Drittel der Befragten bedauern, dass Jamika nicht zustande gekommen ist. 55 Prozent sehen die Schuld für das Scheitern demnach bei der FDP.

Christian Lindner: Der Retter der Aktienkurse

Unter den Facebook-Fans der FDP zirkuliert jedoch auch ein Spiegel Online-Artikel, der genau das Gegenteil nahelegt. Laut dem Spiegel Online-Wahltrend, für den kurz nach dem Jamaika-Aus 5000 Personen befragt wurden, verhilft der Gesprächsabbruch der FDP zu 1,7 Prozent mehr potentiellen Wählerstimmen.

Im Trend liegt auch ein ntv-Meinungstext von Wolfram Weimer, der Lindner zur Person der Woche erklärt und lobt, dass der Parteichef in den Jamaika-Verhandlungen die „Notbremse“ gezogen habe. Weimer zufolge seien auch die anderen Partein insgeheim froh über das  Ende von Jamaika. Als angeblichen Beweis dafür, dass Lindner die richtige Entscheidung getroffen habe, führt der Journalist die steigenden Aktienkurse verschiedener Schlüsselindustrien direkt nach dem Ende der Sondierungen an. Zumindest die Facebook-Community der FDP dürfte dieser Argumentation voll und ganz zustimmen.

Die Auswertung basiert auf 936 öffentlich geteilten Facebook-Posts, die von den Fans der Facebook-Seite der FDP im Zeitraum vom 13.11. bis zum 19.11.2017 sowie vom 20. und 21.11.2017 abgesetzt worden sind. Die Analyse – durchgeführt mit dem Social Listening Tool Crowdalyzer – ist nicht repräsentativ, erlaubt aber tiefe Einblicke in die Facebook-Community der FDP.

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