Koalitionsvertrag: Facebook-Fans von CDU und SPD diskutieren Personalfragen statt Inhalte

Ämter-Karussel und Journalisten-Hetze als Trends

Der Spott gegen Martin Schulz (siehe hier) verschwindet, dafür treten in den Facebook-Communitys von CDU und SPD ab dem 9. Februar Personaldebatten in den Vordergrund, die weniger hitzig geführt werden. Um konkrete politische Inhalte geht es hingegen kaum. Nur die Aktion eines britischen Rechtspopulisten zieht die Fans beider Parteien in den Bann.

Facebook-Sticheleien gegen Schulz lassen nach Amtsverzicht schnell nach

Die Nachricht, dass Martin Schulz auf das Amt des Außenministers verzichtet, erreicht viele Facebook-Fans von CDU und SPD über einen Spiegel Online-Artikel. Darin werden die Unzufriedenheit der Basis und die Sorge, personelle Querelen könnten inhaltliche Fragen überlagern, als Grund für den erneuten Sinneswandel des bisherigen SPD-Vorsitzenden angeführt. Für die Facebook-Anhänger beider Parteien spielen in den darauffolgenden Tagen (9.-11.2.2018) konkrete politische Inhalte trotzdem kaum eine Rolle.

Zwar ebbt der Facebook-Spott gegen den bisherigen SPD-Vorsitzenden im Laufe des 9. Februar in den Communitys beider Parteien fast vollständig ab. Doch stattdessen zirkuliert unter den SPD-Anhängern nun verstärkt ein bereits zuvor im Umlauf befindlicher offener Brief an Martin Schulz und den Parteivorstand der SPD, in dem die Unterzeichner Schulz dafür kritisieren, Andrea Nahles als seine Nachfolgerin vorgeschlagen zu haben, ohne die Parteibasis in den Entscheidungsprozess einbezogen zu haben. Verlangt wird darin eine Ur-Wahl zur Bestimmung des neuen Parteivorsitzes.

Andrea Nahles wird zur Facebook-Strickliesel

Für die neue Parteivorsitzende Andrea Nahles interessieren sich seit dem 9. Februar die Anhänger beider Parteien. Zum Trend wird ein Video, in dem Nahles auf die Frage, was sie besser könne als ihr Vorgänger, nach mehrsekündigem Zögern einzig und allein mit dem Wort „stricken“ herausrückt. Während sich die SPD-Anhänger das Video ab dem 7. Februar auf der Facebook-Seite von ZDF heuteplus anschauen, erreicht es viele CDU-Fans am Tag darauf über die Facebook-Seite der Afd.

Nahles zu SPD-Vorsitz

Andrea Nahles soll SPD-Chefin werden. Aber was kann sie eigentlich besser als ihr Vorgänger?

Posted by ZDF heuteplus on Mittwoch, 7. Februar 2018

Die Fans der SPD teilen zudem ein ZDF heute-Video vom 9. Februar, in dem sich Nahles  vor dem Hintergrund des Verzichts auf den Außenministerposten bei Martin Schulz für seine Arbeit am Koalitionsvertrag und insbesondere für „das Europakapitel, das wirklich einen Politikwechsel darstellt“ bedankt.

In der Facebook-Community der SPD zieht zudem das politische Schicksal Sigmar Gabriels Aufmerksamkeit auf sich. Der Politiker war in der Vergangenheit immer wieder als potentieller GroKo-Außenminister gehandelt worden und könnte bei der Ämtervergabe nun doch leer ausgehen. Die User teilen einen Focus Online-Beitrag, in dem Gabriel sich darüber beschwert, von der SPD ungerecht behandelt worden zu sein. Außerdem wird das inzwischen zum „Skandal“ hochstilisierte Zitat erwähnt, demzufolge Gabriels kleine Tochter den Verlust seiner politischen Ämter mit den folgenden Worten kommentiert habe:

„Du musst nicht traurig sein, Papa, jetzt hast Du doch mehr Zeit mit uns. Das ist doch besser als mit dem Mann mit den Haaren im Gesicht.“

Juso-Aufruf zum GroKo-Boykott verliert an Relevanz

Die SPD-Community beschäftigt sich indes weiterhin mit der anstehenden Mitgliederbefragung zur Großen Koalition.

Facebook-Post von Extra 3 (9. Februar 2018)

Der einzige Post, der zu diesem Themea sowohl bei den SPD- als auch bei den CDU-Anhängern zum Trend wird, stammt von Extra 3 und kommentiert die Befragung mit den Worten:
Die SPD-Mitglieder dürfen jetzt einem Koalitionsvertrag zustimmen, den jemand ausgehandelt hat, der ihn zuerst gar nicht wollte, dann gegen heftigste Widerstände aus den eigenen Reihen verteidigte und nun nicht mehr da ist. Glück auf, Genossen!“
Wie bereits direkt nach dem Ende der Koalitionsverhandlungen (siehe in unserem vorherigen Beitrag), liegt Kevin Kühnerts Aufruf an SPD-Mitglieder, bei der Mitgliederbefragung gegen eine Neuauflage der Großen Koalition zu stimmen, im Trend, jedoch im Vergleich zu den vorangehenden Tagen bereits in stark abgeschwächter Form.
Stattdessen interessieren sich die SPD-Fans nun genauso sehr für einen Spiegel Online-Text, der den zeitlichen Ablauf des SPD-Mitgliedervotums sowie die Pro- und Kontra-Strömungen gegenüber einer Neuauflage der Großen Koalition innerhalb der Partei darstellt.

Merkels Finanzpolitik, eine „Kombination aus Pfarrhaus und DDR“

Im Gegensatz dazu beschäftigt sich die CDU-Community zwischen dem 9. und 11. Februar verstärkt mit Kritik am Regierungsstil Angela Merkels. Gerne geteilt wird ein Bild-Artikel, in dem angegeben wird, Merkel hätte sich selbst in die ZDF-Sendung ‚Berlin direkt‘ eingeladen, um dort der Kritik an den Ergebnissen der Großen Koalition den Wind aus den Segeln zu nehmen. Dann listet der Text die Kritikpunkte einiger CDU-Politiker an der Kanzlerin auf und nennt das Ganze einen „CDU-Aufstand gegen die Parteichefin“.

In seiner Spiegel Online-Kolumne Sozialistisch, teuer, Merkel wirft Jan Fleischhauer den Koalitionären vor, Steuergelder zu sorglos auszugeben. Dabei stellt er insbesondere die Ausgabenpolitik Angela Merkels infrage:

Dass Freiheit auch bedeuten kann, selbst darüber zu entscheiden, wofür man das Verdiente ausgeben möchte, scheint ihr ein fremder Gedanke zu sein (…) Bei Merkel schlägt jetzt die Kombination aus Pfarrhaus und DDR durch.“

Er unterstellt der Kanzlerin „ein zu leichtfertiges Verhältnis zum Geld anderer Leute“ und kritisiert, dass die Regierung es trotz Ausgaben von über 1,3 Billionen Euro laut Finanzplan des Bundes allein für die laufende Legislaturperiode nicht einmal fertigbringe, für dichte Schuldächer zu sorgen.

Zudem beschäftigt die CDU-Anhänger der Kabinetts-Abschied Thomas de Maizières. Zu diesem Thema teilen die User vor allem den Artikel „Wie die Kanzlerin einen treuen Gefährten abservierte“ der Bild-Zeitung, in dem Merkel ein herzloser Umgang mit Maizière als „einem ihrer engsten Vertrauten“ vorgeworfen wird.

Ironischer Imagefilm lobt neues Heimatministerium

Für GroKo-Diskussionen rund um die Vergabe der Ministerien haben die Facebook-Fans beider Parteien inzwischen nur noch Hohn übrig. Bei den CDU-Anhängern kommt ein Text der Satire-Zeitung Postillon gut an, demzufolge Merkel „ein Ministerium für Eiscreme, ein Fensterministerium sowie ein Dingsministerium“ einrichten will, um mehr Posten mit CDU-Politikern besetzen zu können.

Bei der SPD macht man sich dagegen über die Planungen für ein neues Heimatministerium lustig. Zum Trend wird ein ironisch gemeintes Video, das wie ein Imagevideo für das neue Ministerium aussieht. Darin wird angekündigt, Deutschland brauche „keine Glasfasernetze, Schulen oder gerechten Löhne“, da Heimat „das wichtigste Zukunftsthema der nächsten 1000 Jahre“ sei.

Das Heimatministerium

Der Imagefilm des Heimatministeriums überzeugt: Die neue Regierung hat die Zukunftsthemen im Griff.

Posted by Bohemian Browser Ballett on Donnerstag, 8. Februar 2018

Die CDU-Fans beschäftigen sich jedoch auch ernsthafter mit dem Thema. In ihrer Facebook-Community sind Medienbeiträge über die Kritik der Türkischen Gemeinde am neuen Ministerium beliebt. Dessen Vorsitzender Gökay Sofuoglu hatte argumentiert, den Begriff der Heimat

auf den politischen Kontext zu übertragen, halten wir nicht nur aufgrund der deutschen Vergangenheit für problematisch. Wir befürchten, dass er nicht Zusammenhalt und Zusammengehörigkeit, sondern Ausgrenzung und Spaltung fördert.“

Diese Haltung scheinen viele CDU-Anhänger klar abzulehnen und sie lesen auch auf rechtslastigen Webseiten Texte zu diesem Thema.

User fallen auf falsche Polizei-Facebook-Seite herein

Insgesamt sind die Themen in beiden Communitys zwischen dem 9. und dem 11. Februar so stark vom Ende der Koalitionsverhandlungen bestimmt, dass es nur wenige andere Inhalte in die Trends schaffen.

Bei der SPD gelingt es einem Video der Facebook-Seite des Ersten Deutschen Fernsehens, das zeigt, wie AfD-Politiker Ende Januar bei der Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus im Bundestag die Gesichter verziehen und, wenn überhaupt, nur widerwillig klatschen, während in Reden Angriffe auf Zuwanderer und Flüchtlinge verurteilt werden und die Holocaust-Überlebende Anita-Lasker Wallfisch die Aufnahmebereitschaft Deutschlands als „unglaublich generöse, mutige, menschliche Geste“ lobt.

Die CDU-Anhänger wiederum interessieren sich für den Fall des Polizisten, der am 10. Februar in Köln vor den Wagen einer Straßenbahn gestoßen worden war und starb. Besonders oft teilen sie ein Trauerbild der Facebook-Seite „Nachwuchspolizisten“, die die User mit hoher Wahrscheinlichkeit für eine offizielle Seite der Polizei halten. Im erwähnten Post ist zu lesen, der verstorbene Polizist sei „ein Kollege des Landeskriminalamts NRW“ gewesen, der „im Dienst den islamistischen Terrorismus“ bekämpfte.

Die Facebook-Seite steht jedoch in keinerlei Beziehung zur Polizei und die Macher selbst geben an „Polizisten, Polizeianwärter und Bürger“ zu sein, die die Seite „in ihrer Freizeit“ betreiben und die Seite als „Anlaufadresse für alle, die sich mit dem Thema Polizei, dem Mensch hinter der Uniform und mit dem Berufswunsch Polizist/in“ beschäftigen, sehen.

Provokations-Video gegen Journalisten gelangt in die Trends

Der außergewöhnlichste Trend ist ein Video, das auf Facebook sowie auf mehreren zweifelhaften Webseiten aus dem deutschen und englischsprachigen Raum zu finden ist, darunter auf Journalistenwatch und der Facebook-Seite AfD-Freunde Stuttgart.

Darin zu sehen ist der britische Rechtspopulist Tommy Robinson, der für seine Anti-Islam-Haltung bekannt ist und der unter anderem am Aufbau eines britischen Pegida-Ablegers beteiligt gewesen sein soll. Auf einer Anfang Februar vom rechtsgerichteten Bündnis „Zukunft Heimat“ organisierten Demonstration in Cottbus filmt und interviewt er einige der Teilnehmer und versucht dann, Journalisten in Diskussionen über die politische Ausrichtung ebendieser Teilnehmer zu verwickeln. Einer Gruppe von Journalisten ruft er beispielsweise zu: „Die Mainstream-Medien sind der Feind des europäischen Volkes (…) Der Tag wird kommen, an dem sich alle gegen euch richten.“

Obwohl sich die Cottbusser Demonstration gegen Merkel, den Islam und Flüchtlinge wendet, schlägt Robinson in seinem Video immer wieder einen Bogen zur #MeToo-Debatte und betont, dass bei der Cottbuss-Veranstaltung die „wahre #MeToo“-Bewegung angetroffen werden könne: Eine Argumentation, die auch in einer seit Ende Januar hochgefahrenen Online-Kampagne der Identitären Bewegung genutzt wird, die sich explizit an Frauen wendet (der Faktenfinder berichtete).

Sein Video, das Robinson auch über seine eigenen Facebook-Seite verbreitet, trägt auf deutschen Seiten wie zum Beispiel Journalistenwatch oder Philosophia Perennis zusätzlich zum Logo der Verschwörungstheorien-Plattform „The Rebel“ auch ein Pegida-Logo und erreicht auf dem Facebook-Kanal von Lutz Bachmann über 100 000 Views.

Ungewöhnlich ist, dass Robinsons Video sowohl in der Facebook-Community der CDU als auch in der Facebook-Community der SPD zum Trend wird, was in unseren Analysen bei derartigen Inhalten bislang noch nicht vorgekommen ist. Außerdem mussten wir für unsere Auswertung bei der CDU eine viel größere Anzahl von Spam-Accounts herausfiltern als gewöhnlich. Einige dieser Accounts hatten auch Tommy Robinsons Video geteilt.

Die Auswertung beruht auf 2528 Posts, die im Zeitraum vom 09.02. bis zum 11.02.2018 in den Facebook-Communitys von CDU und von SPD veröffentlicht oder geteilt worden sind. Inhalte von Bot- und Spam-Accounts wurden herausgefiltert, im analysierten Zeitraum haben wir mehr derartige Aktivitäten festgestellt als gewöhnlich. Die Analyse ist nicht repräsentativ, erlaubt aber tiefe Einblicke in die untersuchten Zielgruppen. Durchgeführt wurde sie mit dem Social Listening Tool Crowdalyzer.

Lesen Sie auch: „Außenminister“ Schulz wird zur Facebook-Lachnummer, unsere Analyse der Themen, mit denen sich Anhänger von CDU und SPD direkt nach dem Ende der Koalitionsverhandliungen auf Facebook beschäftigt haben.

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