Landtagswahl in Bayern: Fragwürdige Webseiten im Wahlkampfmodus

Mit diesen Strategien soll die Wahlentscheidung bayerischer Wähler beeinflusst werden

In den Wochen vor der Landtagswahl sind Webseiten, die es mit Faktentreue und der Ausgewogenheit von Perspektiven nicht ganz so genau nehmen, besonders aktiv. Wir haben analysiert, mit welchen Mitteln sie die Wähler in Bayern von ihren Positionen überzeugen wollen.

truth23.net bezichtigt die Polizei, Tatsachen zu vertuschen, verdreht die Wahrheit aber in Wirklichkeit selbst.

„Pakistaner vergewaltigt Frau (21) schwer – Polizei München vertuscht über 10 Tage!“, betitelt die angeblich aus Uruguay betriebene Webseite truth23.net im Juli den Text über eine Vergewaltigung in Planegg.

Der namenlose Autor wirft der CSU vor, der Öffentlichkeit kurz vor der Landtagswahl Informationen über Flüchtlingskriminalität vorzuenthalten. Truth23 inszeniert sich somit als Portal, das die Wahrheit ans Licht befördert.

Der Vorwurf, Medien und andere rechtsstaatliche Institutionen würden mit Fällen von Flüchtlingskriminalität und islamistischer Gewalt gezielt hinter dem Berg halten, ist eine der beliebtesten und bekanntesten Strategien rechter und rechtspopulistischer Online-Portale. Seit dem Sommer wird die Methode von einschlägigen Webseiten auch verstärkt für den bayerischen Wahlkampf angewandt.

Das Spiel mit der Angst vor Straftätern

Über die Vergewaltigung in Planegg hatten mehrere Medien bereits zuvor berichtet. Erwähnt wird das von Truth23 jedoch nicht. Ein typischer Fall. Oft basieren die Texte rechtsgerichteter Portale auf Medienberichten über tatsächliche Kriminalitätsfälle.

Um den Eindruck zu erwecken, als erstes “Medienangebot” über die Ereignisse geschrieben zu haben, wird in aller Regel aber nicht darauf verlinkt. Zusätzlich finden sich aber auch Texte über komplett erfundene Straftaten auf den Webseiten.

Auf der Webseite politikversagen.net spielen Fälle von angeblicher Flüchtlingskriminalität aus Bayern im September eine große Rolle.

Gemeinsam ist beiden Arten, dass ausschließlich Taten von Menschen ausländischer Herkunft aufgelistet werden. Kriminelle Deutsche werden schlichtweg ignoriert.

Das so geschaffene, verzerrte Bild der Wirklichkeit soll dem Wähler das Gefühl vermitteln, sich konstant vor kriminellen Ausländern fürchten zu müssen.

Denn wenn die eigene Sicherheit als stark gefährdet angesehen wird, kommt vielleicht der Wunsch auf, sich Parteien anzuvertrauen, die vorgeben, etwas gegen dieses Unsicherheitsgefühl zu unternehmen.

Einschlägige Webseiten, die sich eigentlich an Nutzer aus ganz Deutschland richten, veröffentlichen deshalb seit dem Sommer vermehrt Berichte über Fälle von Flüchtlingskriminalität in Bayern.

Webseiten speziell für bayerische Wähler

Daneben warten mehrere Webseiten mit kreativeren Strategien für die Zeit vor der Landtagswahl auf. Darunter Portale, die sich ganz explizit an bayerische Nutzer wenden.

Neben den Kategorien “News” und “Eilmeldungen gibt es auf der Webseite Bayernonline.news auch Unterseiten für die relevanten politischen Parteien in Bayern.

Eines davon ist bayernonline.news. Das Konzept des anonym betriebenen Portals besteht lediglich darin, Inhalte anderer Webseiten zu aggregieren. Manchmal werden Fremdtexte in voller Länge kopiert und übernommen. Meist werden sie aber nur kurz angekündigt und mit einem Link zum Originaltext versehen.

Die Textsammlung geht allem Anschein nach automatisiert vonstatten und greift auf eine Kombination unterschiedlichster Quellen zurück. Häufig „zitiert“ werden Medien aus dem bürgerlich-konservativen Spektrum, zum Beispiel FAZ, Welt oder Münchner Merkur.

Dazwischen finden sich immer wieder Links zu den Webseiten politischer Parteien.

Bayernonline.news: Alle Parteien gleichbehandelt?

So verbreitet bayernonline.news eine Liste mit aktuellen Termine der bayerischen SPD-Spitzenkandidatin Natascha Kohnen. An anderer Stelle wird auf eine Umfrage auf der FDP-Webseite verwiesen, wonach sich ein Drittel der bayerischen Mittelständler für eine schwarz-gelbe Landesregierung ausgesprochen haben soll.

Überproportional häufig kommen die Internetauftritte der AfD zum Zug. Bei den meisten AfD-Inhalten wird zudem nicht nur ein Link, sondern gleich der ganze Text angeboten. Das ist zum Beispiel bei einer Stellungnahme des AfD-Politikers Stephan Protschka zur betäubungslosen Ferkelkastration der Fall.

Keine neuen Inhalte seit Mai 2018. Die Grünen bleiben bei der Webseite bayernonline.news während des bayerischen Wahlkampfs außen vor.

Nur zu den Grünen wurde seit Mai nichts mehr online gestellt. Offensichtlich haben die Betreiber Themen mit Grünen-Bezug damals aus dem Aggregator ausgeschlossen.

Das Portal sammelt nicht nur Texte, die von politischen Parteien und Medien stammen.

Regelmäßig werden Inhalte fragwürdiger Webseiten wie der der Epoch Times, der Jungen Freiheit sowie von islamfeindlichen Blogs darunter gemischt. Auch der in die Kritik geratene Afd-nahe Deutschland-Kurier (siehe Recherche der Zeit) taucht hier auf.

Vorgetäuschte Ausgewogenheit zieht bei bayerischen Nutzern nicht

Die Strategie der Aggregator-Webseite ist simpel: Bei den Lesern soll der Eindruck erweckt werden, es mit einer neutralen Online-Zeitung zu tun zu haben.

Der Twitter-Account von Bayern Online

Da tatsächlich eine gewisse Quellenvielfalt besteht und zudem parteiübergreifend „berichtet“ wird, ist die politische Einseitigkeit der Webseite nicht immer auf den ersten Blick erkennbar.

Trotzdem geht der Ansatz der Betreiber nicht auf. Die Nutzer interessieren sich so gut wie gar nicht für das Portal. Auf Twitter hat Bayern_Online gerade einmal 60 Follower.

Jetzt gemäßigt: Die Bayern Depesche

Eine andere Strategie fährt die Bayern Depesche. Das Portal war im Jahr 2017 als Teil eines deutschlandweiten Depeschen-Netzwerks öffentlich in Verruf geraten.

Sowohl das Mediummagazin journalist  als auch der Deutschlandfunk hatten über dubiose Verbindungen zu CDU-Mitgliedern, NPD-Nähe und Beiträge von Fake-Autoren berichtet.

 

Seit der negativen Berichterstattung über das Portal im Jahr 2017 sind die meisten Texte der Bayern Depesche nun in einem sachlicheren Ton geschrieben.

Seitdem sind die Texte der Webseite moderater geworden. Besonders gerne stellt die Bayern Depesche im September 2018 die politischen Standpunkte der FDP vor. Außerdem erscheinen langatmige und ausschließlich positive Porträts über AfD-Politiker. CDU und CSU hingegen kommen weitaus seltener in den Genuss von Unterstützer-Texten. Und SPD und Grüne tauchen so gut wie gar nicht auf.

Auf eine hetzerische Ausdrucksweise wird kurz vor der bayerischen Landtagswahl weitgehend verzichtet. Nur der Autor Claudio Michele Mancini lässt es sich nicht nehmen, weiterhin einen Polterton anzuschlagen. So lässt er sich in seinem Text über den Fall Maaßen erbost über die Medien aus, die seiner Ansicht nach “mit der Mär von Hetzjagden und Übergriffen” als “Meinungsbildner für die Links-Grüne Brut” einzustufen seien.

Wirkung der Bayern Depesche unklar

Wie gut die Bayern Depesche bei den Nutzern ankommt, ist schwer zu sagen. SimilarWeb, ein Dienst, der eine grobe Einschätzung der Zugriffszahlen auf Webseiten liefert, hält für die Bayern Depesche keine konkreten Zahlen bereit.

SimilarWeb identifiziert, durch welche Suchbegriffe User auf die Seite der Bayern Depesche gelangen.

Die User scheinen jedoch vor allem über Suchmaschinen auf die Webseite zu gelangen. Soziale Netzwerke spielen bei der Verbreitung der Webseite hingegen keine große Rolle.

Zwei der Top-Suchbegriffe, die ein Nutzer eingeben muss, um das Portal bei einer Google-Suche als Ergebnis angezeigt zu bekommen, lauten demnach „afd bayern“ sowie „david bendels“. Letzterer ist der Chefredakteur des Deutschland-Kurier.

Getarnte AfD-Werbung aus München

Der Erfolg der Webseite bayernistfrei.com lässt sich besser messen. Hier wird regelmäßig gegen CSU, SPD, Grüne und FDP gewettert. Dazwischen finden sich AfD-Unterstützertexte.

Die Webseite bayernistfrei spricht sich schon auf der Startseite mit einem Wortspiel gegen eine buntes München aus.

Am 8. September ist auf der Webseite der Auftritt von Beatrix von Storch in München das Hauptthema. Am Tag darauf wird auf sehr wohlwollende Weise eine Liste der Münchner AfD-Kandidaten veröffentlicht. Die Webseite hebt hervor, AfD-Politiker stünden im Gegensatz zu den Politikern anderer Parteinen „mitten im Leben“ und hätten „produktive Berufserfahrung vorzuweisen“.

Russischer Staatssender soll Wähler von AfD überzeugen

Auch ein Beitrag des russischen Staatssenders RT Deutsch findet sich auf der Webseite. Der Titel: „Wie wählt Bayern? – RT-Deutsch mit Impressionen vom bayerischen Wahlkampf“. In dem Video bekommen die Kandidaten aller relevanten Parteien in Bayern die Möglichkeit, sich und ihre Arbeit vorzustellen.

Dem Kandidaten der AfD werden im Video zwar ausschließlich mitfühlende Fragen gestellt. Auch bekommt er im Vergleich zu den meisten anderen Kandidaten ein wenig mehr Redezeit. Trotzdem wirkt das Video insgesamt recht ausgewogen und vermittelt einen professionellen Eindruck.

Erst, wer sich das Video direkt auf Youtube ansieht, dem wird die dahinterliegende Strategie klar. Denn erstens hat der Beitrag sehr viele Kommentare erhalten. Derzeit sind es 1200. Und zweitens ruft ein unnatürlich hoher Anteil der kommentierenden User enthusiastisch zur Wahl der AfD auf. Dass es sich hierbei um eine gesteuerte Aktion handeln könnte, liegt nahe.

Eine Auswahl der Kommentare unter dem Youtube-Video von RT Deutsch.

Laut FAZ ist die Webseite Pegida-nah und wurde unter anderem von einem ehemaligen NPD-Funktionär gestartet.

Doch das Portal ist auch im russischen sozialen Netzwerk VKontakte aktiv. Hier teilt der dazugehörige Account im September täglich AfD-nahe Inhalte mit Bayern-Bezug. SimilarWeb zufolge ist zudem auch die Webseite, die am häufigsten auf bayernistfrei verweist, von zweifelhafter Natur.

SimilarWeb-Übersicht: Links eine Liste der Top-Webseiten, die auf bayernistfrei verweisen. Rechts die Zielseiten von Links auf der Webseite selbst.

SimilarWeb zeigt außerdem, dass die Webseite bei den Usern gut anzukommen scheint. 120 000 Visits verzeichnete sie im August 2018. Im März waren es noch weniger als die Hälfte.

Gezielte Beeinflussung immer schwieriger zu erkennen

Die Beispiele zeigen: Webseiten mit dem Ziel, Wahlentscheidungen von Bürgern zu beeinflussen, spielen auch in Bayern eine Rolle.

Zudem zeichnet sich im bayerischen Wahlkampfs ein klarer Strategiewechsel ab. In den Monaten vor der Bundestagswahl war es Standard, User mit hetzerischen Textbausteinen und plumpen Anschuldigungen gegen etablierte Parteien von als falsch erachteten politischen Einstellungen abbringen zu wollen.

Das ist inzwischen anders. Die Betreiber einschlägiger Webseiten erkennen mehr und mehr die Vorteile der Mäßigung. Ihre Texte und Videos nähern sich journalistischen Formaten an. Und die User bekommen „Beiträge“ vorgesetzt, die objektiv wirken, es aber nicht sind.

Damit wird es für Internetnutzer immer schwieriger, Versuche politischer Einflussnahme zu erkennen.