Wählerbeeinflussung auf Twitter am Tag der bayerischen Landtagswahl

Fake-Accounts riefen massenhaft zur Wahl der AfD auf

AfD-Unterstützer-Accounts haben noch am Wahltag versucht, bayerische Wähler zur Stimmabgabe für die AfD zu bewegen. Unsere Twitter-Analyse.

Eine BR-Recherche brachte vor kurzem ans Tageslicht, dass die AfD vor der bayerischen Landtagswahl zwar in Facebook-Wahlwerbung, nicht jedoch in gesponserte Tweets investiert hat.

Wahlkampfunterstützung erhielt die Partei auf Twitter trotzdem. Denn zahlreiche inoffizielle Unterstützer-Accounts haben bis kurz vor Schließung der Wahllokale zur Stimmabgabe für die AfD aufgerufen.

Darunter etliche, die erst im Oktober angelegt worden sind und deren Tweets trotz geringer Followerzahlen innerhalb kürzester Zeit eine beachtliche Anzahl an Retweets und Likes generiert haben. Ein Phänomen, das entweder auf eine Automatisierung oder eine gesteuerte Kampagne hindeutet.

Geschwister Scholl als AfD-Wahlkampfhelfer missbraucht

“ShalomKawaii” nutzt ein Halloween-Foto der Game of Thrones-Schauspielerin Maisie Williams als Profilbild.

Ein Beispiel für einen solchen Account ist „ShalomKawaii“. Ihr allererster Tweet stammt vom 10. Oktober, was sie jedoch nicht daran hindert, nur wenige Tage später bereits sehr aktiv für die AfD zu werben.

„Es ist noch nicht zu spät, die #AfD heute in Bayern zu wählen. Ab ins Wahllokal! Traut euch!“, tweetet sie am frühen Nachmittag des Wahltags.

Wenig später verbreitet der Account Bilder von Rosa Luxemburg und der Geschwister Scholl, auf denen Schriftzüge wie „Wir würden AfD wählen“ prangen.

Fake-Prinzessin retweetet Meuthen

Auch die bayerischen AfD-Unterstützer-Accounts, die wir in einer früheren Recherche identifiziert haben, schrauben kurz vor der Wahl ihre Twitter-Aktivität nach oben. Besonders häufig retweeten sie Inhalte offizieller AfD-Accounts, denen sie eigene Wahlaufrufe hinzufügen.

Der Account „Sophie-Charlotte von Hohenstein“ beispielsweise, für den ein Foto der im Jahr 1957 verstorbenen Wittelsbacher Prinzessin Sophie Adelheid herhalten muss, verfolgt diese Strategie. So retweetet „Sophie-Charlotte“ einen AfD-Wahlaufruf von Jörg Meuthen, dem sie die Bitte hinzufügt, nicht die Grünen oder die CSU zu wählen.

Trolle und Bots kennen sich in Bayern nicht aus

Unsere Festellung aus dem August 2018, dass bayerische AfD-Unterstützer-Accounts zwar ihrer Profilbeschreibung nach bayerisch aussehen, in ihren Tweets jedoch kaum regionale Themen behandeln, lässt sich für die Tage vor der Landtagswahl erneut bestätigen.

Wie bereits in den Wochen und Monaten zuvor werden oft vermeintliche oder tatsächliche Fälle von Flüchtlingskriminalität aus ganz Deutschland gepostet. Oder es wird die Glaubwürdigkeit etablierter Medien hinsichtlich nationaler Themen infrage gestellt. Themen, die nur für Leser aus Bayern relevant sind, tauchen so gut wie gar nicht auf.

Doch es gibt Ausnahmen. So werden im Oktober immer wieder falsche Zahlen zur Flüchtlingskriminalität in Bayern verbreitet.

Mit falschen Zahlen zur Flüchtlingskriminalität soll den bayerischen Wählern Angst eingejagt werden.

Der erklärte Feind der AfD-nahen Accounts sind die Grünen

Und kurz vor dem 14. Oktober nehmen verbale Angriffe auf die Partei der Grünen stark zu. Vor allem die bayerische Spitzenkandidatin Katharina Schulze wird dabei zur Zielscheibe. AfD-Unterstützer-Accounts dichten ihr beispielsweise eine Zusammenarbeit mit „verfassungsfeindlichen linksextremen Organisationen wie der DKP“ an.

Insgesamt wird wiederholt versucht, ein Narrativ zu schaffen, das die Grünen in die Nähe krimineller Machenschaften rückt. So werfen viele Tweets der Partei fälschlicherweise vor, Sex mit Kindern legalisieren zu wollen. Oft wird dabei mit Bildern und Memes gearbeitet.

AfD-Unterstützung wurde in rechten Internet-Foren koordiniert

Eins der harmloseren Beispiele für einen visuell aufbereiteten Twitter-Angriff auf die Grünen.

Ein Beitrag der taz stellte am 8. Oktober die noch andauernden Recherchen des Londoner Institute for Strategic Dialogue (ISD) zur bayerischen Landtagswahl vor.

Ein erstes Ergebnis: Rechte Gruppierungen versammelten sich im Vorfeld der Wahlen in Bayern und Hessen in internationalen Internet-Foren. Dort vereinbarten sie, Memes zur Unterstützung der AfD zu produzieren.

Max Muth stellt in seiner BR-Recherche zur Social Media-Wahlwerbung der bayerischen Parteien fest, dass die offizielle Wahlwerbung der AfD ebenfalls auf Angriffe auf die Gegner Grüne und CSU sowie auf die Themen Migration und Kriminalität setzt.

Der Vorwurf des Wahlbetrugs

Und es gibt eine weiteres Thema, das sowohl die inoffiziellen AfD-Unterstützer-Accounts als auch die Partei selbst bis kurz nach der Wahl in den Mittelpunkt stellen. Es geht dabei um den Vorwurf der Wahlmanipulation.

Der offizielle Twitter-Account der AfD ruft am 8. Oktober AfD-Anhänger gezielt dazu auf, am Wahltag in die Wahllokale zu gehen und dort die Auszählung zu “beobachten”.

Dies sei nötig, um einen “Wahlbetrug zu Ungunsten der AfD” zu verhindern. Auf der Webseite der Partei findet sich ein Formular, in das “Beobachtungen/Unregelmäßigkeiten” eingetragen werden können.

Kurz darauf greifen auch die anonymen AfD-Unterstützer-Accounts das Thema auf. “Daniel Kreidling” behauptet beispielsweise, Studenten aus München hätten vor, als Wahlhelfer gezielt die Auszählung zu manipulieren.

Und der automatisiert betriebene Account “Aimee” berichtet am Wahltag von einer vermeintlichen “Behinderung als Wahlbeobachter in Untergiesing”.

Immer wieder ist zudem von “Zentralcomputern” die Rede, die das Wahlergebnis angeblich bereits lange vor dem Wahltag festgelegt hätten.

Lassen sich die Wähler von den Fake-Accounts überzeugen?

Die meisten bayerischen Twitter-Nutzer sind mit den Tweets der AfD-Unterstützer-Accounts wohl nicht in Kontakt gekommen.

Das liegt unter anderem daran, dass sich die anonymen Accounts bislang vor allem gegenseitig retweeten. Mit echten Usern interagieren sie hingegen noch vergleichsweise selten.

Auch bei Diskussionen bleiben die AfD-Unterstützer-Accounts oft unter sich.

Trotzdem birgt die Existenz von Bot- und Troll-Netzwerken Gefahren. Gerade Nutzer ohne ein Bewusstsein über derartige Internet-Phänomene könnten sich von der vermeintlichen Social Media-Popularität der AfD beeindrucken lassen.

Zum Beispiel, wenn bei ihnen der Gedanke aufkommt: “Wenn die so viele Likes bekommen, muss an ihren Positionen schon was dran sein.” Politische Parteien ohne anonyme Unterstützer-Netzwerke können auf diesen Effekt hingegen nicht hoffen.

Die Betreiber der Accounts sind lernfähig

Noch problematischer ist jedoch die Tatsache, dass sich automatisierte Accounts und Troll-Aktionen kontinuierlich weiterentwickeln.

Die Tweets der AfD-Unterstützer konnten sich auch deshalb nicht durchsetzen, weil die Twitter-Profile abgesehen von einer angeblichen bayerischen Herkunft größtenteils recht unnatürlich daherkommen. Außerdem fehlen bayerische Themen. Doch das kann sich ändern.

Dass sich Bot- und Troll-Netzwerke auf Landtagswahlen konzentrieren, ist neu. Die Drahtzieher hinter den Accounts werden lernen, ihre Strategien in Zukunft besser an regionale Zielgruppen anzupassen.

Viele der bayerischen AfD-Unterstützer-Accounts haben bereits kurz nach der Landtagswahl in Bayern auf den Hessen-Wahlkampf umgeschwenkt.