Fake-Relotius: Ein Mann gibt sich als Relotius aus und will die Medien narren

Antenne Bayern Morningshow-Chef erzählt, was ihn skeptisch machte

Die Geschichte vom ‚Fake Relotius 

Im Dezember 2018 mussten mehrere deutsche Medien beweisen, wie gut sie recherchieren. Und wie skeptisch sie bei noch so verlockend wirkenden Interviewangeboten sind. Ein falscher Claas Relotius – also nicht der durch seine teils erfundenen Artikel berühmt gewordene Ex-“Spiegel”-Reporter- meldete sich bei diversen Radiosendern in Deutschland und bot Interviews an. So auch Deutschlands erfolgreichstem Privat-Hörfunksender, Antenne Bayern.

Gordian Giebel / Bild: Antenne Bayern

Der Leiter der Morningshow, Gordian Giebel, erzählt exclusiv auf wafana, wie es ihm gelang, den falschen Relotius zu enttarnen.

“Wir bekamen an die ANTENNE BAYERN- Redaktion eine Mail von einem Mann, der sich als Claas Relotius ausgab und sich für eine ‚Interview-Anfrage‘ bedankte, u.a. mit dem Satz: „Inzwischen kann ich mir vorstellen, in einem Radio-Interview zu allen Vorwürfen Stellung zu nehmen (…)“ 

Natürlich war unsere erste Frage, welcher unserer Redakteure ihn denn um ein Interview gebeten hatte. Wir wussten, dass ihn niemand angefragt hatte. Und auch der vermeintliche ‚Relotius‘ konnte diese Frage nicht beantworten. 

Dennoch rief ich ihn zurück, um genau das mit ihm telefonisch zu klären. Doch auch am Telefon konnte er mir die Frage nicht beantworten, argumentierte mit ‚den vielen Anfragen‘ und dem Mail-Account, den er nach dem SPIEGEL Rausschmiss auflösen musste. 

Wir hatten alle von Anfang an große Zweifel an der Glaubwürdigkeit. 

Während ich also mit ‚Claas Relotius‘  am Telefon sprach, öffnete ich ‚Youtube‘, um den echten Relotius zu hören. Als erfahrener Radiomann beschäftige ich mich tagtäglich mit Stimmen. Ein Stimmenabgleich war also das naheliegendste. Dieser zeigte mir: Der echte Relotius spricht weitgehend ohne dialektische Färbung. Der Mann am Telefon dagegen hatte einen leichten Akzent, der an Hessen oder Rheinland-Pfalz erinnert. Ein weiteres Indiz, das gegen die Echtheit dieses Interviews sprach. 

Auch während des Gesprächs wurden die Zweifel nicht weniger. Seine Angriffe auf den SPIEGEL, auf die komplette Journalisten-Riege, die ja alle nur erfundene Geschichten erzählten, waren doch sehr überzogen. Außerdem sprach er von einem Buch, das er veröffentlichen wolle. Auf meine Frage, um was es denn da ginge, konnte er mir allerdings keine wirkliche Antwort geben.  

Videobeweis macht die Sache klar

Nach dem Interview bat ich meinen Gesprächspartner um einen ‚Videobeweis‘ mit Personalausweis und dem Satz, dass er gerade für ANTENNE BAYERN ein Interview führte. Erst nach mehreren Stunden bekam ich auch ein Video. Darin zu sehen war ein Mann mit Wintermütze der seinen Presseausweis in die Kamera zeigte. Spätestens jetzt war völlig klar: da ist optisch zu viel Unterschied zum echten Claas Relotius und der Presseausweis war bei genauerer Betrachtung ein ‚Fake‘. 

Dieser Herr versuchte sein Glück bei mehreren Radiosendern, privaten und öffentlich-rechtlichen. Alle Radioredakteure prüften sorgfältig die Echtheit, niemand hat ein Interview mit ihm gesendet.  

Eine Verifizierung ist nicht des Lobes Wert, sondern für uns Radioredakteure eine Selbstverständlichkeit und Teil unserer täglichen Arbeit. ” (Gordian Giebel / Antenne Bayern)

Auch wenn vielleicht kein Lob nötig ist, so ist das Ereignis doch erwähnenswert – denn es zeigt, dass eben auch vieles gut und richtig läuft in unserer etablierten Medienlandschaft. Trotz Druck, die schnellsten und möglichst exklusive Meldungen zu haben, nehmen sich Redakteure durchaus Zeit, mögliche Interviewpartner und deren Aussagen zu überprüfen und zu hinterfragen.

Wer ist der “Fake Relotius”?

Der “Fake Relotius” legte im Dezember 2018 dieses Twitterprofil an. Screenshot vom 7.3.2019

Wer hinter dem “Fake Relotius” steckt, ist nach wie vor unklar. Wenige Tage bevor Antenne Bayern das Interviewangebot erhalten hatte, hatte der “Fake Relotius” einen Facebook und Twitteraccount gelaunched. Auf Facebook ist das Profil zwischenzeitlich wieder verschwunden. Auf Twitter existiert es noch – mit lediglich zwei Tweets. Diese wurden beide am 19.12. verfasst und lassen durchscheinen was Gordian Giebel mit “überzogener Medienkritik” meint. Vermutlich hatte sich der “Fake Relotius” darauf eingestellt, einen riesen medialen Coup zu landen. Dass so niemand auf ihn reinfallen wollte, hat seine Medienkritik ad absurdum geführt.

Der echte Claas Relotius wollte im Dezember 2018 übrigens keine Interviews geben. Über seinen Anwalt ließ er mitteilen, er sei in psychologischer Behandlung.